Freitag, 28. Februar 2014

House of God



„Bis auf die Sonnenbrille ist Berry nackt. Selbst jetzt, im Urlaub in Frankreich, mein Internship längst fern und begraben, habe ich kein Auge für die Unvollkommenheiten ihres Körpers. Ich liebe ihre Brüste, die Art, wie sie sich verändern, wenn sie flach auf dem Bauch oder auf dem Rücken liegt und dann, wenn sie aufsteht und geht. Und tanzt. Oh, wie liebe ich ihre Brüste, wenn sie tanzt. Die Cooperschen Ligamente halten die Brüste, Coopers werden zu flupers, wenn sie ausleiern. Und ihr Schambein, symhysis pubis, der Knochen unter der Haut, die Kraft, die ihren Venusberg formt. Sie hat spärliches schwarzes Haar. Sie schwitzt in der Sonne, der Glanz macht ihre Bräune noch sinnlicher. Trotz meines Medizinerblicks, und obwohl ich gerade ein ganzes Jahr unter kranken Körpers zugebracht habe, bin ich imstande, ruhig dazusitzen und aufzunehmen. Der Tag fühlt sich wich an und warm, nur von einem wehmütigen Seufzer aufgerauht. Es ist so windstill, daß die Flamme eines Streichholzes ohne zu flackern in der klaren, heißen Luft steht. Das Grün des Rasens, die kalkweißen Wände unseres gemieteten Bauernhauses, das orangefarbene Ziegeldach gegen den augustblauen Himmel – das alles ist zu vollkommen für diese Welt. Man braucht nicht zu denken. Alles hat Zeit. Es gibt kein Ergebnis, es gibt nur den Prozeß. Berry versucht, mir beizubringen, so zu lieben wie vor diesem tödlichen Jahr“, beginnt Samuel Shem seinen Roman House of God, in dem er über das erste praktische Jahr, das Internship, von sechs jungen Ärzten erzählt, die voller Enthusiasmus und dem Wunsch, Menschen von Krankheiten zu heilen, in die hektische Welt des Krankenhausalltags gestoßen werden. Sie werden zynisch, verzweifelt oder gleichgültig. Es ist „Die unverblühmte Demontage des ärztlichen Mythos (…) genießt unter Medizinern Kultstatus“, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb.

„Das House od God wurde 1913 von den American People of Israel gegründet, als deren medizinsch ambitionierten Söhne und Töchter keine Internships in guten amerikanischen Krankenhäusern bekamen, weil sie Juden waren. Dem großen Engagment der Gründer ist es zu danken, daß das House bald ehrgeizige Ärzte anzog und zum Lehrkrankenhaus der weltweit angesehenen BMS – Best Medical School – aufstieg. Nach außen hin zu höchsten Ehren gelangt, zerfiel es innerlich in viele Hierachie-Ebenen. Auf der untersten befinden sich mittlerweile diejenigen, für die es eigentlich errichtet worden war, die Ärzte des Hauses. Und unter den Ärzten wiederum steht der Intern auf der untersten Stufe.“

Protagonist und Erzähler ist der junge Arzt Dr. Roy Basch, der schnell erkennt, dass seine Vorstellungen vom Arzt sein, nicht die Realität wiederspiegeln. Anstatt Menschen zu heilen, werden ihre Leiden unnötig verlängert. Er und seine Kollegen müssen auch oft, vielleicht sogar zu oft, mit ansehen wie junge Menschen sterben. Manche von ihnen in demselben Alter wie die jungen, engagierten Mediziner. Und sie zerbrechen daran. Einige können sich dagegen schützen, wie die Hauptfigur Basch, andere wiederum nicht.

Roy Basch hat zum einen seine Freundin, Berry, die ihm im Laufe des Romans immer wieder Ratschläge erteilt und ihn aufmuntert sowie für ihn da ist. Sie ist ein Grund, weshalb der junge Arzt sein Intership übersteht. Der andere ist ein rätselhafter Assistenzarzt, der nur der Dicke genannt wird. Dieser nimmt Dr. Roy Basch unter seine Fittiche und zeigt ihm wie der Hase im House of God läuft.

„Der Dicke dürfte der erste gewesen sein, der mir zeigte, was ein Gomer ist. Er war mein Resident und half mir, von einem BMS-Studenten zu einem Intern im House of God zu werden. Er war wundervoll und ein Wunder an sich. In Brooklyn geboren, in New York City aufgewachsen, vital, unerschütterlich, brillant, tüchtig. Angefangen bei seinem glatten, schwarzen Haar, seinen scharfen, schwarzen Augen, dem wulstigen Kinn, dem enormen Bauch, der seine Gürtelschnalle wie einen blanken Fisch auf seinem Leib auf und ab gleiten ließ, bis hinunter zu seinen breiten, schwarzen Schuhen war der Dicke einfach phantastisch. Nur New York City konnte ein solches Geschöpf hervorbringen. Als Dank betrachtete der Dicke die Wildnis westlich des großen Grenzstreifens, dem Riverside Drive, mit äußerstem Mißtrauen. Die einzige Ausnahme, die er in seinem städtischen Provinzlertum gelten ließ, war Hollywood, das Hollywood der Filmstars.“

Gomer (Get Out of My Emergency Room) ist dem Dicken zufolge, ein menschliches Wesen, das, oft durch Alter, verloren hat, was einen Menschen ausmacht. Es sind demente oder Personen an der Schwelle zum Tode, die aufgrund der modernen Medizin noch am Leben sind und nur mehr dahinvegetieren. Das Gegenteil eines Gomers ist eine LAD in GAZ (Liebe Alte Dame in Gutem Allgemeinzustand).

Im Studium wurden die jungen Ärzte hervorragend mit medizinischem Wissen versorgt. Sie wissen alles über Anatomie, Krankheiten und Co. Doch die Mediziner müssen feststellen, dass die BMS sie nicht auf alles vorbereitet hat. Auf manches sogar gar nicht.

„Die Nachtschwester kam noch einmal zu mir. Sie zeigte auf ein besorgtes Paar, das wartend in der Tür stand. Sie sagte, man habe ihnen erzählt, ihre Tochter sei ins House gebracht worden. Überdosis.
‚Wir haben hier keine Überdosis gehabt‘, sagte ich.
‚Ich weiß, habe nachgesehen, aber sprechen Sie lieber mit ihnen.‘
Ich ging hin. Wohlhabende Leute, Juden, er Ingenieur und sie Hausfrau. Sie machten sich Sorgen um ihre Tochter, eine Schülerin der Mädchenschule gleich gegenüber. Ich sagte ihnen, ich würde das MBH anrufen, ob sie dort vielleicht aufgenommen worden war. Ich tat es. MBH sah nach. Ja, sie war dorthin gebracht worden: Bereits tot eingeliefert.
(…)
‚Sie ist ins MBH gebracht worden. Gehen Sie dorthin.‘
‚Gott sei Dank‘, sagte die Frau. ‚Sheldon, laß uns gehen.‘
„OK. Danke, Doktor. Vielleicht kann man sie, wenn es ihr besser geht, hierher überweisen. Dies ist unser Krankenhaus, wenn Sie wissen, was ich meine.‘
‚Ja‘, sagte ich, unfähig, es ihnen geradeheraus zu sagen. ‚Vielleicht geh das.‘“

Dennoch macht Basch weiter seinen Job. Kommt zur Notaufnahme und macht das, was er zu tun hat: Arzt sein und sich mit dem abfinden, womit der junge Arzt nicht rechnet.

„Von diesem Augenblick an ging es bergab. Alle stimmten in den Choral der Beschimpfungen ein. Unterdosis, Überdosis, Betrunkene, Psychopathen, Nutten, Geschlechtskrankheiten und Scheidenjucken, die mir das außerordentliche Vergnügen verschafften, zwischen den Beinstützen des gynäkologischen Untersuchungsstuhls zu hocken und tief in das Krankheitsfaß der Freizeitwelt hineinzusehen. Meine Versuche zu schlafen wurden ständig vereitelt. Um drei Uhr morgens wurde eine Hausfrau aus der Vorstadt von ihrem Mann eingeliefert.
‚Ich kann nicht aufrecht stehen‘, sagte sie und lehnte sich an die Wand.
‚Wie lange haben Sie das Problem schon?‘, fragte ich schlaftrunken.
‚Drei Monate.‘
‚Warum kommen Sie dann heute nacht?‘
‚Heute nacht ist es schlimmer als sonst. Sehen Sie, so kann ich stehen‘, sagte sie, angelehnt. ‚Aber ich kann nicht so stehen‘, und stand frei.
‚Sie stehen jetzt frei‘, machte ich sie aufmerksam.
‚Ich weiß, aber ich stehe lieber angelehnt.‘“

Nicht alle überstehen die Gomers, die jungen Menschen, die sterben, oder die skurrilen Aufnahmen. Manche gehen zugrunde. Werden fertig gemacht. Fehler, auch wenn diese ohne Bedeutung sind, werden ihnen noch lange vor die Nase gehalten. So ist es nicht verwunderlich, dass der eine oder andere daran zerbricht. So auch Dr. Wayne Potts.

„Plötzlich wurde mir klar, was geschehen würde! Ich Blödmann! Ich rannte zum Fahrstuhl und donnerte auf den Knopf, aber er rührte sich nicht. Ich raste die Treppen hinauf in den achten Stock, verfluchte mich, daß ich nicht gleich daran gedacht hatte und betete, daß es noch nicht zu spät sei oder ich mich geirrt hatte.
Ich hatte mich nicht geirrt. Während ich mich in seinen Erinnerungen an Mrs. Bradley wiegte, hatte Potts den Fahrstuhl zum achten Stock genommen, ein Fenster geöffnet und sich hinausgestürzt. Vom Fenster aus sah ich die Schweinerei unten auf dem Parkplatz, und während ich noch um Atem rang und in der kalten Zugluft zitterte, hörte ich schon die erste Sirene aufheulen. Ich legte meine Stirn ans Fenster und schluchzte.“

Am Ende übersteht Basch sein Internship und entschließt sich eine Kariere in der Psychiatrie einzuschlagen. Er will nichts mehr mit der Internen, in der er sich in seinem Internship herumgeschlagen hat zu tun haben.

Der Autor des Buches, Samuel Shem, eigentlich Stephen Joseph Bergman, wurde 1944 geboren und ist Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School. Er lebt mit seiner Frau Janet Surrey, einer Psychologin, und seiner Tochter in Newton, Massachusetts. Sein Roman House of God erschien 1978 und wurde zum Kultroman. Es verursachte eine beachtliche Veränderung der öffentlichen Meinung und bewirkte schlussendlich eine grundlegende Veränderung der medizinischen Ausbildung in den USA.

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